gadjo

In U haben wir den Vater gesucht. Wir haben an seiner Tür geklopft und geklingelt. Das Haus steht gereiht zwischen fünf anderen. Da war ich längst die neue Frau vom alten Sohn. Die Häuser sind bewohnt. Die Wände sind dünn. Niemand hat aber den Vater gehört. Die Häuser sind bewohnt. Die Wände wurden gemeinsam errichtet. Niemand hat aber den Vater gesehen. Die Häuser sind bewohnt. Der Nachbar rief uns in D an. Der Vater wurde lange nicht gesehen. Doch als wir dort klingelten, wollte keiner mehr etwas sagen.
Der Vater hat einmal den Sohn gesucht. Der Sohn verschwand im Thermalbad, kurz, nachdem sie ins Wasser gegangen waren. Der Vater hat gewusst, dass der Sohn nicht schwimmen kann, aber ihn trotzdem mitgenommen ins Schwimmerbecken. Der Vater hat die ganzen acht Meter nach ihm getaucht, fast blind durch das schweflige Wasser, und hat nach seinem Sohn viele Male ins Leere gegriffen. Dann hat der Vater den Sohn herausgefischt. Aber das war erst später der neue Sohn der neuen Frau.
Als die Grenzen fielen, man davor und dahinter auf das Niemandsland treten und Landstriche durchqueren konnte, ohne mühselige Anträge, da hat der Vater gesagt, jetzt will ich zurück. Er hat vom Wetter gesprochen, vom Schwimmen und von der Mentalität. Der Sohn hat gesagt, aber hier ist doch dein Haus, und der Vater hat geantwortet, dort kaufe ich ein neues.
Dann ist er über die Grenzen gegangen, die immer noch ausgeschildert waren, hat seinen Pass gezeigt, aber hat keine Tasche öffnen müssen, nicht einmal den Kofferraum. Ein Pass mit Bundesadler ist immer gut, haben wir gelacht, aber warte nur, wenn du den falschen Pass hast, da hilft dir dann auch Schengen nicht. Wenn wir Schengen schon hörten und die Zöllner durchs Land fahren sahen. Und auf eine ähnliche Art lachten wir, wenn wir sagten, wenn die Neuerschlossenen erst merken, was Sicherheit bedeutet. Wir wussten es, der Landstrich, auf dem wir lebten, war schon gepflügt.
Der Vater hat sich ein neues Haus gekauft, von dem alten.
Dann hat er gleich eine neue Frau gefunden und einen neuen Sohn gemacht. Er wollte etwas schaffen, er war nicht mehr jung. Dem alten Sohn schrieb er Briefe, sehr kurze, aber viele. Er schrieb wenige Fragen, er schrieb Antworten vom Wetter, vom Schwimmen und von der Mentalität.
Der neuen Frau hat er unglücklich ins Gesicht geschlagen. Da hat sie das neue Haus verlassen und den neuen Sohn. Da hat der Vater vom Nachbarn mehr Wein geordert und den in sich hineingeschüttet, muss man sagen. Das hat er schon früher getan, aber darüber wurde nicht gesprochen. Der Vater hat im Hartbrand vergessen, den neuen Sohn aus der Schule abzuholen. Nicht einmal, sehr viele Male kam das vor. Polizisten haben den Sohn gebracht, aber nur wenige Male. Dann ist ihnen der Geduldsfaden gerissen und sie haben den neuen Sohn in ein Heim gebracht. Einmal hat der neue Sohn die alte Frau in D angerufen und hat gesagt, dass die anderen Jungen viel größer sind als er und stärker. Da hat die alte Frau geweint und den alten Sohn angerufen und ihm geraten, was zu tun ist. Sie hat gesagt, der neue Sohn ist noch so klein.
Der Vater hat einfach vergessen, was passiert ist, und hat nicht mehr nur Wein getrunken. Zuerst hat er versucht, sich eine neue Frau zu angeln. Aber er hat nur Männer kennengelernt. Männer, die mit dem Vater tranken und schwatzten und nickten. Er hat ihnen sein Haus angeboten, wenn sie öfter zuhörten und etwas Anständiges auf den Tisch brächten. Die Männer haben dem Vater auf die Schulter gehauen und ihm mehr zu saufen gegeben und ihm eins übergegeben und seinen Flügel verkauft. Der Vater war gelegentlich bei Bewusstsein und hat gemerkt, dass er die neue Frau vermisst und den neuen Sohn. Manchmal hat er getobt und nach seinem Flügel gefragt und nach seinem Geld. Er hat geschrien, dass er das alles für sich gehortet habe.
Wir haben bei ihm geklingelt. Aber irgendjemand hielt ihn hinter der Tür fest. Da kauften wir Schränke. Keine richtigen. Wir kauften uns Männer, die wie Schränke waren und wie Tiere. Wir zeigten ihnen das Haus und die Tür, an der sie klingeln mussten. Als erstes schlugen sie mit den Fäusten an die Tür, dann zerrten sie am Türknauf. Einer warf seine Schulter gegen die Tür. Das Haus war leer. Es gab keine Möbel, keine Teppiche mehr und der Flügel war auch verschwunden. Die Hintertür flog auf und gleich wieder zu. Nun waren wir mit dem Vater allein. Er weinte in einer Ecke der 2. Etage. Er weinte über den verlorenen Flügel, über die Männer, über zwei Frauen und zwei Söhne, mit denen er gelebt hatte. Die Schränke trugen ihn in unser Auto, wir verstauten das, was er noch besaß, in seinem Koffer. Die neue Frau und den neuen Sohn fanden wir dort nicht.
Hinter der Grenze sagte der Vater, jetzt heiße ich wieder Thomas Nagy. Wir lachten. Als der Vater wieder satt war und genug Schlaf nachgeholt hatte, nahm er seinen Koffer, in dem sein ganzes Haus war und der Rest vom alten auch, und durchwühlte die Sachen und beschimpfte uns. Er tobte, er wolle sein Geld zurück und sein Haus. Er zerschlug Geschirr und schrie, wir würden keinen Pfennig von ihm bekommen und wir seien verflucht nochmal dumme Gadje. Er nahm Wein aus dem Kühlschrank und trank von morgens bis abends. Er schlief mit dem Kopf zwischen den Armen am Tisch. Wir sagten, der Säufer übertreibe es mächtig und rieten ihm, sich sein Geld in den Arsch zu schieben. Er fuhr wieder zurück über die Grenze und suchte die neue Frau und das neue Kind. Wir schüttelten die Köpfe über sein kindisches Verhalten. Kindisch war aber der falsche Ausdruck. Wir sagten, dass der Vater ein Säufer sei und nicht mehr wisse, was er tue. Wir riefen den Nachbarn an und fragten nach dem Vater, nach der neuen Frau und nach dem neuen Sohn. Der Nachbar hatte aber seine Ansichten geändert. Er beschimpfte den Vater, den dreckigen Zigeuner. Wir fielen in den Tenor ein, aber wir wussten längst, dass man dreckiger Zigeuner nicht mehr sagt, nicht mal mehr denkt. Wir sprachen untereinander, dass es doch auf der Hand läge, wer hier Opfer und wer Täter sei und wurden böse auf den Nachbarn, diesen ignoranten Nationalisten. Kurze Zeit später wuchs aus der Sorge wieder Wut und der alte Sohn konnte seinen Vater nicht mehr leiden.
Ein Mann, den wir nicht zuordnen konnten, rief uns an und verschwieg seinen Namen. Er sagte, seinen Namen nenne er nicht. Wir hörten aber an seiner Aussprache, dass er aus Ö kam. Er fragte, ob wir Tamás Nagy kennen, und wir sagten ja. Er fragte, ob wir wüssten, wo er ist, wir sagten nein. Er sagte, Herr Nagy bräuchte Hilfe, und wenn wir seine Kinder seien, dann müssten wir nach U gehen und ihn suchen. Er sprach auch von retten. Wir sagten nicht viel, fragten nicht viel, wir wollten uns nicht verraten, wir hatten Angst um das Kind, das wir erwarteten. Wir überlegten, den neuen Sohn aus dem Heim zu holen. Wir waren uns einig, dass er dort vor die Hunde gehen würde. Es gab das Recht in U und in D und die EU hatte auch eins. Wir sagten, das Kind könne so nicht leben. Wir wussten, wie es geht. Wir lebten ja in D und U hatte gerade erst Demokratie und Menschenwürde bekommen. Wir wunderten uns, dass wir trotzdem nichts tun konnten, obwohl wir es so gut meinten.
Wir bekamen unser Kind und freuten uns sehr. Die Beamten fragten nach dem Namen und wir sagten ihn. Von da an buchstabierten wir ihn, bevor wir ihn nannten. Manche fragten uns auch, welchen Pass wir für das Kind wollten. Wir waren verwundert. Welchen wir noch haben könnten, fragten wir. Da bekamen die Beamten große Augen und wir bissen uns auf die Zunge. Das Wochenbett gefiel uns nicht, wir wollten nach Hause. Wir hatten Besuch von unseren Familien, aber die störten die Schwestern. Sie sagten, wir könnten nicht so viel lachen und singen, das Leben sei ja kein Kinderspiel. Wir waren sprachlos, und die Gäste gingen mit einem schiefen Lächeln und einem Augenzwinkern.
Ich sagte zum Vater meines Kindes, das ginge doch nicht, dass wir Fremde seien, wir seien doch keine Fremden. Ihm war mein auffälliges Benehmen unangenehm, er sagte zu mir, halt den Mund, immer suchst du Streit.
Ach und dann rief der Vater wieder an. Die Bank in D hatte sein Konto gesperrt, wir sollten es öffnen. Wir gingen hin und verhandelten, aber die Angestellten wollten unsere Vollmachten sehen. Wir versprachen, sie zu bringen. Der alte Sohn flog mit dem Flieger nach U und suchte den Vater. In der Hauptstadt fand er die neue Frau. Sie sagte, der Vater sei um sie herumgeschlichen vor einiger Zeit, aber sie habe einen anderen Mann und schere sich nicht um die Vergangenheit. Sie sagte, der Vater sei nicht mehr zu retten, er sei zurückgegangen zu den Männern. Sie sprach von Weinen und Trotzen.
Der Sohn fuhr zur Polizei in die kleine Thermalbadstadt. Dort hatte man sogar die Adresse der Männer. Er fuhr zu dem Haus und klingelte. Einer öffnete ihm und zeigte ihm den Weg zum Vater. Der stand einmal gerade durch an einem Fenster und bestrich einen Geigenbogen mit Kolophonium. Er spielte eine Zeit lang, um ihn herum versumpften einige Fremde. Auch der Sohn trank aus den anderthalb Liter Flaschen und später schüttelte er den Vater. Das war nicht ohne.
Zu mir sagte er nach seiner Rückkehr, niemand brächte diesen Mann zur Vernunft.