SICH EIN ZUHAUSE SUCHEN
Der Bräunigersche Mythos 54° 9´ N, 12° 23´ O



„Das, was wir hatten, war immer mehr als Luft und Liebe, mehr Raum, als wir benötigten, mehr Satt, als wir vertrugen, mehr Schlaf, als wir träumten. Das, was wir hatten, bestäubte rote Plastebecher mit weißen Punkten, stand blätterdicht vor Terrassen mit Seilen zum Festhalten, zum Hochziehen, zum Schweinebaumeln. Das, was wir hatten, lag in der Luft, wenn wir Abende saßen auf Eiche rustikal, durchgesessen von fremden Verwandten, wenn wir Brote in Münder stopften – in Viertel geschnitten, aus Bechern nippten, in Röhren glotzten. Das, was wir hatten, klauten wir den Alten und trugen es hinaus in Wälder, auf Meere.“

Links vom Knüppeldamm im Billenhagener Forst in Richtung Sanitz stehen zwei Häuser. Dort hatten wir alles. Dort waren wir immer. Dort bauten wir unsere Dörfer in die Wälder. Dort waren die Sommer lang und sie waren sonnig und warm. Dort schliefen wir 10 Kinder auf Lagern, die großen oben in der Kammer und wir kleineren unten in einem der hinteren Zimmer auf einer dunkelblauen Couch mit kleinen Punkten, ein größeres Schlafsofa habe ich nie mehr gesehen.

Am 29. Dezember 2009 besuche ich meine Großmutter Vera Bräuniger in Rostock. Wir sitzen im Wohnzimmer, vor uns das Album mit der Aufschrift „Billenhagen“ und wir kommen vom Hundertsten ins Tausendste. Jede Person, jeder Gegenstand, alles, was wir auf den Fotos betrachten, bringt uns von der Hauptstraße ab und wir durchqueren die deutsche Geschichte anhand der erinnerten Lebenszeit meiner Großmutter Vera, ihres Mannes Harald, ihrer 3 Töchter mit ihren Männern und den 10 Kindern hinten dran. Trotzdem kommen wir immer wieder nach Billenhagen – auf Billenhagen zurück. „Die große Gruppe war immer schön“, sagt sie. Ich gehe gern zu meiner Großmutter und wir erinnern uns gemeinsam an die schöne Zeit und an ihren Mann und ihren Enkel Michael, die es beide nicht mehr gibt, aber wir erinnern uns sie ein wenig lebendig.

1973 bekamen Vera und Harald Bräuniger die Nachricht, dass sie das Haus im Billenhagener Forst kaufen können. Sie waren auf einer Warteliste ganz nach oben gerutscht. Seit einiger Zeit hegten sie den Gedanken, ein Wochenendhaus zu kaufen, am liebsten eines in Strandnähe.
In Strandnähe liegt Billenhagen nicht, nicht mal einen See gibt es, aber es gibt Wälder: Nadelwälder und Mischwälder. Es gibt Lichtungen, Gräben, die mehr Laub als Wasser führen, noch mehr Wälder und eine Koppel, auf der die Arbeitspferde Ilona und Roland standen und eine Straße, die Knüppeldamm genannt wird. „Das längste Kopfsteinpflaster der Welt“ machte es allen schwer, die Fahrzeuge über es bewegen wollten, weil sich die Steine unter den Jahreszeiten verschoben. Es entstanden immer neue Schlaglöcher und jeder Schutt wurde benutzt, sie zu zuschütten. Das ist fast alles so geblieben, auch wenn eine Decke Teer über die Steine gegossen wurde, nun platzt sie immer wieder auf. Das ist alles in großen Teilen unverändert. Billenhagen ist ein kleines Dorf, deren 4 Häuser 3 Zentren ausmachen. 2 Häuser stehen in Einzellage, 1 davon am Ortseingang, das Forsthaus 100 Meter hinter einem Sandwegabzweig und 2 Häuser stehen am Ortsausgang, 1 davon war unseres.

Nun wir sind nicht mehr dort.
Nur manchmal. Dann lugen wir hinter unseren Autos hervor, stehen rat- und tatlos herum und versuchen Blickwinkel zu erhaschen, die uns das Gefühl geben, nichts hätte sich geändert und wird bräuchten nur um das Auto herum und könnten ins Haus gehen.

Vor uns gehörte das Haus einem jungen Ehepaar, einem Seemann und seiner Familie, die eine Wohnung in einer Plattenbausiedlung in Evershagen ergattert hatten. Auch sie waren auf einer Warteliste an die erste Stelle gerutscht. In der Neubauwohnung gab es heißes Wasser aus der Wand und Zentralheizungskörper unter den Fenstern. In Billenhagen gab es dies nicht. Eine Wasserleitung brachte das Wasser zwar inzwischen aus dem Brunnen ins Haus, aber den Luxus der Neubauwohnung konnte sich die Familie nicht entgehen lassen.
Der Vorbesitzer des Hauses hatte den Störsender hinter unserem Gehöft in Richtung Försterei bewacht. Mein Vater konnte sich auch gleich vorstellen, wie von dem Mast hinterm Maschendrahtgezäun die Signale gegen seinen westlichen Lieblingssender ausgestrahlt worden waren.

„Wir stiegen aus dem Auto aus und fanden es wunderschön“, sagt meine Großmutter Vera über ihren ersten Blick auf das Haus und die Umgebung. Sie sitzt in ihrem Sessel am Kopfende des Tisches, ein wenig höher als ich. Ich hänge zusammengesunken im Sofa und notiere mit. Sie sitzt dort, wie sie am Tisch in unserem Wochenendhauswohnzimmer gesessen hat, am Kopfende des Tisches war ihr Platz auf einem dunkelbraunen Lehnstuhl, von dem aus sie uns Kinder dirigierte und aus dem sie sich erhob, um ein Teesaftgemisch nachzuholen oder ein Spiegelei zusätzlich zu braten oder um die Antenne des Fernsehers zu richten. „Immer dem Licht entgegen“, sagt sie über ihre Sitzrichtung, „ich weiß auch nicht, warum.“
Das wochenlange Warten „wegen Staatsforst“ hatte sich gelohnt. Das Haus war Bräunigersches Eigentum, aber das Land war in Erbpacht, es gehört der Forst. Das Jagdgebiet der SED-Bezirksleitung lag um das Dorf. Neben unserem Garten, hinter dem Zaun, gleich am Waldrand war der Treffpunkt, dort wurde die Jagd mit Horn, Bier und Wild am Spieß gefeiert. Wir gingen nie zu den Herren in Schwarz-grün, wenn sie dort ihre Jagd begossen, wir hörten sie in ihre Hörner pusten, singen und grölen, sahen, wie sich ihre Silhouetten zwischen den Baumstämmen bewegten, und spielten erst an ihrer Feuerstelle, wenn sie wieder fort waren. Der Förster Herr Sabetzki und seine Frau bewirteten die hohen Gäste in dem ein paar hundert Meter entfernten Forsthaus. Wenn sie wieder für sich waren, spielten wir oft auf dem Forsthof und hüpften auf der Jauchegrube, vergleichbar mit dem Hüpfen auf einem Trampolin im Garten, nur unschöner für meine Cousine Antje, die einmal bis zum Bauch einsank. Wir durften die Arbeitspferde in den Stall bringen und abreiben, das erlaubten uns die Männer, die bei der Forst angestellt waren, wenn sie am Nachmittag aus dem Wald kamen. Standen die Pferde auf der nahe gelegenen Koppel gingen wir hin und streichelten sie, mein Cousin Lutz, einer der Zwillinge, traute sich auch, sie mit der Wäscheleine einzufangen und auf ihnen zu reiten.

Herr Sabetzki hatte einen der ersten Herzschrittmacher eingesetzt bekommen und meine Großmutter erzählt, dass diese Geräte damals so groß waren, wie eine große Streichholzschachtel. Einmal gruben meine Großeltern gerade ihren kleinen Kartoffelacker um, da kam Herr Sabetzki vorbei „nur um ein bisschen zu erzählen“, er nahm meiner Großmutter den Spaten aus der Hand und war „ratzfatz fertig“. Nebenbei durften sie durch das aufgeknöpfte Hemd nachfühlen, wie groß der Schrittmacher war. Auch ich dachte immer an seinen Herzschrittmacher, wenn ich ihn über den Knüppeldamm nachhause radeln sah, weil er so unglaublich gesund wirkte, aber ich nicht verstand, wie das mit diesem Schrittmacher funktionierte.

Aus einer handschriftlichen Aufzeichnung meiner Großmutter Vera aus dem September 1988, die sie Teilinventur betitelte, geht hervor, dass sich zu dieser Zeit: Bettdecken 5, gesteppte Decken 4, Kopfkissen 7, Wolldecken 7 (1 gehäkelt) und Kinderbett 1 im Haus befanden. Unter dem Stichwort Geräte stehen: Staubsauger 2, Rasenmäher 1, Kabeltrommel 2, Verlängerungsschnüre 5, Fahrräder 3, Radioapp. 1, Heizöfchen elektr. 1, Plätteisen 2, Grillapp. 1, Heißluftgebläse (Bosch) 2, Schwingschleifer (Bosch) 1, Kantenschneider, (1 Kinderfahrrad).

Meine Großmutter Vera sagt: „Es war so schön friedlich dort. Ich hatte nie Angst.“ Der Frieden, den sie meint: Ein kleiner Apfelbaum vor der Veranda, der alle 2 Jahre Sommerscheiben trug, die Birnen des riesigen Birnbaums, die immer nur als Fallobst in unzählige Wischeimer mit entsprechender Beschriftung aufgesammelt wurden, weil sie zum Einmachen oder Backen vorgesehen waren, denn ihre Schalen waren hart und die Früchte recht klein und sie hatten viele Stellen, eine angebundene Verandatür aus Sperrholz, die im Wind an ihrem Band zerrte und damit leise scharrende Geräusche machte, das Bräunigersche Spezialgetränk Tee mit Selters und Saftresten, an das wir uns trotz seiner Exotik – einer Spur gegorenen Obstes – ohne Widerrede gewöhnten.
Das Öffnen und Schließen des Maschendrahttores bei Ankunft uns Abfahrt, dieses Ritual bei Ankunft und Abreise, an den Wochenenden ebenso, wie vor und nach den langen Sommeraufenthalten. Das alte Brot, das meine Großmutter ansammelte, um es auf die Wiese gegenüber von unserem Haus zu werfen, damit sich das Rotwild es holte.
Die Ansammlung an Paprikastäbchen und Schinkenchips und die Butterkekse, die in offenen Schalen im Buffet aufbewahrt wurden und in Exotik dem Teesaft in nichts nachstanden, nur muffiger schmeckten und sich pappig kauten, die einzelnen Stücke mit Krümeln beklebte Sarottischokolade, die zwischen den Keksen und dem Salzgebäck lagen, manchmal auch in Extraschälchen. Federbetten, die wir in den Zwischenjahreszeiten Herbst und Frühjahr mit Körperwärme warm und trocken schliefen. Stöbern in Schubladen und auf den Regalbrettern des zweckentfremdeten Stalls, in den kleinen gelbbraunen Arzneigläschen und Marmeladengläsern, die gefüllt waren mit Schrauben und Muttern, Nägeln und Muffen aller Art und Größe und in den Kartons auf dem Dachboden von Haus und Stall. Dachpappe und andere zum Höhlenbau unverzichtbare Materialien, die wir zum hinteren Stallfenster hinausreichten, damit die Alten es nicht merkten. Aber auch der Geruch des Bades, ein winziger Raum, den meine Großeltern in die Küche einließen, die weiße Küchenhexe und die Tüllgardinen der Verandafenster, in denen sich Fliegen verfingen und vertrockneten und das Insektenspray auf der Fensterbank, die Fliegenklatschen überall im Haus und in allen Farben, der Kunstlederbezug der Eckbank der Veranda in knalligem Rot und wir am Tisch und mein Großvater Harald, der im Eingang zur Tür steht und uns zusieht, wenn wir Wruckeneintopf essen und still lächelt. Still lächelt mit seinem blauen Arbeitskittel über dem akkuraten Dreiteiler. Immer: Meinen Großvater gab es nur im Anzug.
Der Wein, der an der Stallwand rankte und seine kleinen grünen sauer schmeckenden Trauben im frühen Herbst. Und das Geräusch der elektrischen Pumpe aus dem Stall, das sich mit dem Schreien der Tischkreissäge mischte, hinter der mein Großvater nicht immer notwendigerweise, sondern auch gerne stand. Er schlich durch Billenhagen, man bemerkte ihn kaum. Er saß im Wohnzimmer vor dem Radio und hörte hochkonzentriert ein Ohr in Richtung Lautsprecher gelehnt, klassische Musik oder manchmal auch den „Reißwolf“. Meist aber stand er ruhig in der Mitte des Raumes hinter der offenen Stalltür hinter seiner schreienden Säge und hielt die äußeren Enden eines großen Stückes Holz, bis es kurz vor Ende des Tisches in die staubigen Späne hinunterfiel.

Seit ich mich erinnern kann, gibt es Billenhagen, aber an Kratzats erinnere mich kaum persönlich. Einmal schrieb ich einen einzigen Satz über sie: „Unsere asozialen Nachbarn, die wir liebten, die Massen an Süßigkeiten hatten, und alle hießen Haribo.“, ohne sie diffamieren zu wollen. Meine Großmutter sagt: „Er trank, aber er war nie betrunken.“ Sie brachte ihm vom Einkaufen manchmal eine Flasche Schnaps mit, aber auch „3-4 Brote für die Kaninchen“. Bei Frau und Herrn Kratzat konnten wir nicht nur Westfernsehen gucken, sondern auch Westsüßigkeiten naschen. Er war wohl um einiges chaotischer, als sie, vielleicht waren sie zusammen sogar zu chaotisch, aber von ihnen ging eine große Wärme und Gastfreundlichkeit aus. Mein Vater schreibt mir: „Ob von Anfang an, weiß ich nicht, aber bald musste ich an "So zärtlich war Suleyken" denken. Kratzats stammten aus der kalten Heimat, wenn nicht von noch weiter her. Er war ein starkknochiger Mann, steife Gelenke, Hosenträger, die Hose nie ganz zu. So saß er in der Stalltür, unrasiert, biertrinkend, aber stets aufmerksam. Nach meiner Erinnerung war er schwer zu verstehen, Dialekt und Artikulation. Einmal war ich in der Küche. Erdig. Viele leere Bierflaschen. Frau K. gab ihm die Schuld dafür, meine ich. Sie konnte erzählen und tat das reichlich. Einmal lag sie frühmorgens bezecht vorm Garten im Gras und sang leise, aber gut vernehmbar. Gehört habe ich sie, aber als ich mir die duhne Person ansehen wollte, war sie weg.“

Auch Jonas Kreklau ist ein wichtiges Stück Billenhagen, auch wenn wir Kinder nicht viel mit ihm zu tun hatten, ihn begrüßten, ihn verabschiedeten oder für Besprechungen zur Instandhaltung vor seinem Haus in Sanitz im weißen Lada warteten. Herr Kreklau half bei allen Baumaßnahmen am Haus. Er besorgte über all die Jahre die Handwerker, hatte Beziehungen zu Baumaterialien aller Art und stand meinen Großeltern beratend zur Seite. Die 3 großen Jungen halfen ihm schon manchmal mit und „sprachen mit ihm etwas ab“.

Der Bräunigersche Mythos ist nicht der DDR gewidmet. Er richtet sich an eine Zeit, die nur kurz über ihre Historie hinausreichte, aber dennoch, wie zufällig in ihre Zeit fiel. Sicherlich war die Reiseunfreiheit ein Grund für alle erwachsenen Mitglieder der Familie nicht überall, sondern hier ihre freie Zeit zu verbringen, aber Urlaube nach Ungarn und in die Tschechoslowakei fielen nicht aus. Billenhagen war ein Zentrum. Hierher kamen unsere Freunde und die Familienmitglieder aus Ost und West. Hier feierten wir Geburtstage und Taufen und verbrachten unsere Freizeit. Hier schlüpften wir unter, wenn uns die Hansestadt Rostock zu groß wurde.
In großer froher Runde: ein 93. Geburtstag und eine Taufe, notierte meine Großmutter neben einigen Fotografien. Es war die Taufe meiner Cousine Franziska aus Stralsund und der Geburtstag meines Urgroßvaters Walter aus Hamburg, die wir als eines der letzten großen Familienfeste zusammen am 14. Juli 1985 in Billenhagen feierten.
So, wie unsere Eltern jedes Jubiläum wahrnahmen, um die Erlaubnis zur Einreise in die Bundesrepublik zu bekommen, bemühten sich unsere Freunde und Verwandten dort, so oft wie möglich einreisen zu können. Ich sehe Opa Hamburg mit Franziska im langen Taufkleid im Arm. Wir saßen dort an Tischen unterschiedlichster Form und Höhe im Garten unter dem Birnbaum und aßen Kuchen. Wir Kinder verschwanden in die Wälder, nicht anders, als an allen anderen Tagen, die wir hier verbrachten, um Hütten und ganze Dörfer zu bauen und zurückzukehren, wenn die rote Feuerglocke unter dem Stalldach geläutet wurde, die laut genug war, um sie hunderte Meter weit hören zu können.

„Es gibt noch ne Anekdote“, meldet sich mein Cousin Christian über Facebook und schreibt sie mir gleich auf: „Als das Düngemittelwerk gebaut wurde, kamen viele Arbeiter aus Frankreich und Schweden damals den Knüppeldamm runtergefahren, um zum Werk zu gelangen. Antje und ich haben uns den Scherz als Kinder erlaubt, das Schild mit dem Pfeil einfach mal umzudrehen und die quer durch den Wald zu schicken.“

Wir streunten ganze Tage durch die Mischwälder oder bauten eine Siedlung aus Ästen, die Wistne hieß und ein Teil unseres Landes war, welches Disneyland hieß und wir die dort ansässigen Disneybürger. Deshalb sangen wir auch: „Unsere Straße, die führt auf dem Knüppeldamm entlang. Wir sind stolz Disneybürger zu sein“, angelehnt an ein Pionierlied. Wir bauten einen Staudamm, weil die Gräben so wenig Wasser führten, einmal nahmen wir eine gelbe Plastewanne mit und ließen sie vom Stapel, wenige Ruderzüge machte Lutz, doch dann kenterte das Schiff.
Viele Jahre später, als wir uns wieder in diese Ecke des Nadelwaldes trauten, denn Herr Sabetzki war wegen des Staudamms sehr verärgert und zerstörte ihn, hing noch immer eine Socke von Lutz oder Michael an einem der Äste.
Am gegenüberliegenden Waldrand, dort wo das Rotwild das trockne Brot fand, bauten wir eine Hütte. Diese Hütte bauten wir aus kräftigen jungen Baumstämmen, sodass sie heute noch als Ruine vorhanden ist. Vor 3 Jahren haben meine Mutter und ich dort unter den modernen Stämmen noch einen Teller aus unserer Küche gefunden und ihn als Erinnerung mit nachhause genommen.

Am 24. Januar 1988 starb mein Großvater Harald. Ich hopste mit meiner Schwester laut lachend auf dem Bett meiner Eltern, als meine Mutter Mechthild ins Zimmer kam, um uns von seinem Tod zu erzählen. Wir hörten auf zu lachen und zu hopsen.
Ab 1989 reihten sich aufregende Momente aneinander, dass es schwer ist, alle zu erfassen. Mein Vater flog Anfang September in die Vereinigten Staaten. Er hörte von den Veränderungen, die über die 6 Wochen seines Aufenthalts unfassbare Gestalt annahmen. Er glaubte uns kaum, wenn wir ihm am Telefon bestätigten, was er in den Tageszeitungen las. Wir Mädchen gingen mit unserer Mutter demonstrieren, liefen zwischen den Beinen mit und spürten die brennende Mischung aus Zögern und Mut, mein Bruder war 14 und unternahm eigene Anstrengungen des Protests. Jeden Tag passierte etwas Neues. Die Familie meiner Tante aus Stralsund reiste im November 89 nach Hamburg aus, ihre Schwestern und meine Großmutter lösten ihre Wohnung auf. Meine Tante und mein Onkel bauten Spargel in Billenhagen an, hinten rechts am Ende des Gemüsegartens legten sie 4 oder 5 kurze sandige Hügelketten an. Wochenlang tagte der „Unabhängige Untersuchungsausschuss“ in unserem Wohnzimmer, während wir in der Küche zu Abend aßen, manchmal mit westdeutschen Journalisten und deren Equipment, manchmal mit Stasioffizieren, über die hinter dem Flur im Wohnzimmer gesprochen wurde. Dass Leben in unserem Haus war, das war ich gewohnt, aber, dass bei den Gesprächen keine Fenster mehr geschlossen wurden, das war anders – wider die Konspiration. Aber ich spürte auch die Müdigkeit meiner Lehrer, die zu Kritik nur noch nickten und die Schultern zuckten, keine Ahnung von dem, was da kommen wollte. Wir fuhren nach Großbritannien, der rote Wartburg schnaufte beim Auffahren auf die Fähre, aber er schaffte es und wir kamen als Familie aus der DDR in die Lokalzeitung. Die Familie meiner anderen Tante zog nach Hongkong, ihre erwachsenen Zwillinge blieben in Rostock in der alten Wohnung. Im Sommer 1991 flog ich mit meiner Freundin nach Rom zu einer Nenntante und verbrachte dort die Ferien.
Meine Großmutter Vera bekam das Bedürfnis, alles streichen zu wollen. Die graue Fassade wurde von den Zwillingen und meinem Bruder geweißt. Auch die Kacheln in der Küche wurden überlackiert. Plötzlich gab es bequeme Sonnenliegen aus weißer Plaste für den Garten, die ich nicht mochte, sie hatten keinen Charme. Meine Großmutter suchte sich eine kleinere Wohnung in der Südstadt. Am 15. Mai 1992 starb einer der Zwillinge, Michael, und seine Eltern packten in Hongkong wieder zusammen und bauten ein neues Haus in der Nähe von Rostock. Mein Bruder zog für kurze Zeit mit seiner Freundin in Billenhagen ein, dann der andere Zwilling Lutz. Er baute sogar einen Hühnerstall, blieb aber auch nicht lang. Es war das Sommerhaus der Familie, es gehörte der Großmutter und die hatte den Enkeln zu viel Einfluss auf ihr Wohnen.

1994 entschloss sich meine Großmutter Vera, das Haus zu verkaufen. „Weil ich allein war. Ganz allein“, begründet sie ihre Entscheidung. „Die Hamburger konnten nicht kommen, deine Mutter konnte nicht kommen, dein Vater hätte sich bloß mit der Zeitung in den Garten gesetzt und die anderen hatten ihr eigenes Haus.“ Nicht kommen können bedeutet, dass ihr niemand ausreichend half. Der riesige Garten, die große Wiese, das viele Obst, um es nutzen zu können, musste es instand gehalten werden. „Wenn wir noch zusammen gewesen wären, hätten wir es gehalten“, sagt sie und meint sich und meinen Großvater Harald. „Tja, was soll ich sagen, es war unsers. Wir haben uns dort – 3 mal unterstrichen – wohlgefühlt. Ich bin nachts allein rausgegangen auf den Knüppeldamm und dort auf- und abgegangen wegen des Sternenhimmels. Du siehst nie wieder so einen Sternenhimmel wie dort im Wald.“
Wenn meine Großmutter Vera heute nach Billenhagen fährt, fährt sie nach Blankenhagen, manchmal begleite ich sie oder ein anderer von uns. Blankenhagen liegt 2 Dörfer weiter. Dort besucht sie den Gottesdienst bei Pastor Joneit und geht danach zu meinem Großvater Harald und meinem Cousin Michael auf den Friedhof und manchmal machen wir einen Umweg über Billenhagen zurück nach Rostock.
In Blankenhagen hatte mein Großvater den Wunsch geäußert, beerdigt zu werden, weil es für ihn besonderer Friedhof war. Kräftig grün die Bäume/ Es bläst der Wind/ Sonnenschein auf die Gräber, schreibt mein Bruder Joachim am 23. August 1998 in seinem Gedicht Kirchhof über diesen Ort. Rund um die Feldsteinkirche erstreckt sich der Friedhof, überall stehen hohe Kastanien, und auch wenn sich das Dorf in den letzten 20 Jahren vergrößert und verändert hat, findet man hier Stille und einen weiten Blick übers Feld. „Nichts wird angeschlossen. Man kann alles benutzten und stellt es wieder zurück“, sagt meine Großmutter Vera.
Zwei große Findlinge stehen auf den Gräbern, einer für meinen Großvater Harald und einer für Michael, Der zu früh / liegt bei den Alten / Unter hartem Fels. Sie bleiben eine Verbindung zu diesem Landstrich. Das Land brach / Wir streicheln die Erinnerung / Treten ihre Wege