Nang Nang
Übergangsobjekte & Übergangsphänomene *

»[S]olange es Kinder gibt, wird es Kinder geben«1 – einen riesigen Raum voll unerwünschter Wünsche und Dinge, die jemand* nie ausreichend lernte. Weitergeben. Diese spitzen Erwartungsschrauben, die einem Kind in die Haut gebohrt werden. In jedem Haus. Eine entsetzlich nervende Unfähigkeit zur Genauigkeit und eine Frau haucht zwischen die Schichten hinein in ihren Alltag:

Zwischen den Schleudergang der Waschmaschine (nicht austariert), zwischen das Rumpeln und Pumpeln fliegen Granatäpfel in Zeitlupe von der Tischplatte auf, einen greift die Frau heraus. Die rote Frucht in der Linken, auch beim Nachdenken, muss sie etwas tun. Auch nach dem Obstmesser greift sie. Sie puhlt die Kerne heraus für ihren Tomatensalat am Abend, während sie weiter nach jedem Einatmen zwischen die Schichten ihres Alltags haucht, fliegt der Telefonhörer im Eingangsbereich der Wohnung hoch, und wiederholt dringt die Absage für die Stelle, auf die sie sich vor einem Monat beworben hat, vom Flur her in ihre Ohren. (Spricht sie immer noch zu schnell?) Ihr innerer Gehorsam ruft sie von ganz woanders her: Die Regeln kannst du nachlesen. Jede. Ist das schon eine Drohung? Muss sie denn überhaupt noch hier sein?
Die Jacke dort, die sich nun vor dem untergehenden Abendhimmel am Fenster ausbreitet, gleich einem hellen Fisch, halb schwebend, halb saugend, am Glas hinauf. Nun wird es sichtbar, diese Jacke ist so klein, sie passte nur, als die Frau herübergekommen ist. Ihrer Herkunft abhanden. Einem Land. Einer Nation, die von außen als eins behauptet, von innen zerfällt. (Ist das denn so ungewöhnlich?)
Das Licht durchscheint ihr eierschalenfarbenes Gewebe. Nicht als Mütze würde die Jacke noch taugen für die Frau in der Küche. Jetzt ist die aber in den Flur gelaufen. Tropfen fallen von ihren Händen, die nach dem Aufprall den Boden benetzen, das Messer liegt in der Küche griffbereit. Sie schmeißt den Hörer auf die Gabel, der sich tänzelnd wieder erhebt und die gleiche Leier abspielt. In gleicher Weise, eine alte Weise.
Nun wieder die Jacke im Blick, das Jäckchen. Für erbärmlich ist es zu halten. Es hat nur einen schlichten weißen Knopf ganz oben. Warum der übrig geblieben ist, fragt die Frau sich. Ein einziger glatter Knopf. Sie berührt ihn in der Erinnerung mit den Lippen. Kühl. Glatt. Spiegelglatt. Nimmt das Messer und spült es ab.
– Sag mir Mutter, warum hast du diese Jacke aufgehoben? Konnte sie mich denn in der Fremde beschützen?, fragt sie.
– Die Mutter ist das Kind im fremden Land, ich führ sie an der Hand, antwortet sie sich selbst, halb in die Erinnerung, halb in die Gegenwart versunken.

Ein Mann gleitet gemächlich in einem Sessel die Treppe hinunter.
– Gehst du zurück in dein Land?, ruft er hinter der Tageszeitung.
Die Injera stapeln sich zwischen zwei Tellern, sie halten sie warm und ab davonzufliegen.
– Wirst du zurückgehen?
Die Frau lacht. Sie fährt mit der Hand über das Brett mit den gewürfelten Tomaten, die auf glasige Zwiebeln fallen, mahlt Nelkenpfeffer darauf. Sie wirft den Oberkörper zurück, der Kochlöffel dient ihr als Halt, sie öffnet sich zur linken Seite und dreht den Arm, die Hand, winkt ab. Sie schaut abwechselnd vor und zurück, lacht und schüttelt den Kopf, während sie lacht und er, der Mann, schaut durch ein Loch in der Zeitung sie an und sucht in ihrem Handeln und in ihren Gesten, ihrem Lachen, welches nicht zum Kopfschütteln passt, nach dem, wie er ihre Antwort zu verstehen hätte. Sie dreht sich weg.
– Gehst du zurück, wenn du kannst?
Der Mann schiebt das Loch in der Zeitung wieder zu und ist froh, denn er hat sie nicht gefragt. Er ist ja nicht bescheuert. Er hat es sich nur durch den Kopf gehen lassen. Wie es wohl wäre, wenn er fragen würde. Das macht er schon lange so, wenn ihn etwas – er kann nicht sagen, was es ist – davon abhält, eine Frage direkt zu stellen. Er stellt sie sich vor, die Reaktionen der anderen. »Die Hoffnung [liegt] im Weg, wie eine Falle.«2
In der Küche wird eine Form gefunden. Mürbeteig. Die Butter hat Raumtemperatur angenommen und fällt weich vom Messer ins Mehl. Die Frau schiebt den Rest von der Klinge. Was bleibt von diesem Alltag? Wie weit reicht die Perspektive? Den Tag zu Ende denken? »Denn das Leben geht weiter.«3 Darf sie denn überhaupt noch hier sein? Am Ende wird sie gehen müssen. Weiß nur noch nicht, wohin.
Ihr Land. Am Kühlschrank unterm Magneten Dublin: Land aus Zitronen und Sardinen? Anagnina. Ihre Mutter war nie dort. Geboren kann sie dort doch nicht sein.
– Verließ ich nicht nur eine Mondlandschaft unter Sommerscheiben? Wälder, voll niedergeschlagener Lider in meine Richtung nickend? Everybody’s Fremdling.

Es ist eine Form gefunden worden eingängig/glatt, dass jede*r sich anstrengen muss, sich ihrem guten Vorsatz zu entziehen.
/Einem Vorsatz, den jemand* ihr wie Leben einhauchte. Wir. Unsichtbar, demokratisch, nachdem die Liebe gestorben war. Jede Liebe. Und Liebe war alles./
Jemand* schrieb nach bestem Wissen und Gewissen Regeln auf. Doch da steht die Wirklichkeit gegen sie. Wer die Regeln liest und liest, die Sprache, die um sie gewickelt scheint, nach dieser greift, durchlöchert sie, findet nichts als Luft im gut gemeinten Aufbau.
Steigt dort sogar Rauch auf? Gefahr bedeutet Rauch. Rauch bedeutet Gefahr. Doch nur der Staub der Zeit ist es, der das Gewebe der Sprache zerstört: Feinster Staub.
In diesem kleinen Land. Regionen aus Nationen, kleinen Inseln in Niemandswäldern. Sauber. Feinstaubzucker. Sauber. Rein.
Ihr Vergessen?: Phänomene und Objekte. Ein Lallen und eine kleine eierschalenfarbene Jacke mit spiegelglattem Knopf und ein erster Gedanke pausbäckig unter dem grenzenlosen Himmel.
Zurückgehen dürfen in ihr Land.
In dieser Freiheit liegt der Hohn von dein und mein, von hier und dort.
von von dort sein und von hier sein
und von von hier sein, aber von dort sein
und von von hier sein, aber dort sein wollen

Im Übergang phänomenal, Laute neu und fremd gereiht. »Gäbe es kein Morgen«4, brauchte es der Worte nicht. Ihre unkontrollierte Abreise, ihre Aussagen über die Freiheit der Niederlassung im Vorfeld. Unsicherheit über ihre Perspektive auf allen Seiten. Und macht sie dem Mann dort nicht Avancen?
»Einmal sah ich die Willen der Welt segeln. Sie hielten denselben Kurs – eine einzige Flotte. Wir sind Vertriebene jetzt. Niemandes Gefolge.«5


1 Jandl, Ernst und Mayröcker, Friederike: Fünf Mann Menschen. Hörspiel, mit Materialien.
Herausgegeben von Reiner Friedrichs. Stuttgart 1996. Hier: S. 14.
2 Braun, Volker: Das Eigentum. online unter: >>> >>> (zuletzt aufgerufen am 31.7.2018)
3 Brunkhorst, Heike; Herzog, Roman: Es gibt nur ein kleines Happy End. Die Flucht nach der Flucht – Jahre später. online unter: >>> >>> (zuletzt aufgerufen am 14.8.2018)
4 Ebd.
5 Transtroemer, Thomas: Vom Berge. In: Die Zeit 09/2003.
online unter: >>> >>> (zuletzt aufgerufen am 31.7.2018)


Die Erzählung Nang Nang ist als Auftragsarbeit für die Anthologie »Menschenrechte. Weiterschreiben« entstanden. Ich habe versucht mit dieser Arbeit einen Blick auf den Artikel 13 einzufangen.

Artikel 13
(1) Jeder hat das Recht, sich innerhalb eines Staates frei zu bewegen und seinen Aufenthaltsort frei zu wählen.
(2) Jeder hat das Recht, jedes Land, einschließlich seines eigenen, zu verlassen und in sein Land zurückzukehren.


aus dem Salis-Verlag zum Buch:
»Menschenrechte. Weiterschreiben« unterstreicht die Wichtigkeit, sich mit den Menschenrechten auseinanderzusetzen und soll Ausgangspunkt für eine Debatte über deren außerordentliche Bedeutung sein. Die vielgestaltigen literarischen Interpretationen sollen dazu ermutigen, die Artikel der Menschenrechtserklärung weiterzudenken und den eigenen Standpunkt zu durchleuchten.

Alle Texte sind in deutscher Sprache, die übersetzten Beiträge jeweils auch in der Originalsprache zu lesen.

Autorinnen und Autoren:
(D) Amina Abdulkadir, Sacha Batthyany, Urs Faes, Catalin Dorian Florescu, Lea Gottheil, Petra Ivanov, Daniel Mezger, Gianna Molinari, Werner Rohner, Ruth Schweikert, Monique Schwitter, Eva Seck, Henriette Vásárhelyi, Benjamin von Wyl, Julia Weber, Yusuf Yeşilöz
(F) Odile Cornuz, Isabelle Capron, Daniel De Roulet, Heike Fiedler, Max Lobe, Noëlle Revaz, Sylvain Thévoz
(I) Laura Accerboni, Vanni Bianconi, Francesco Micieli, Alberto Nessi, Fabio Pusterla
(R) Göri Klainguti, Leo Tuor

Gebunden, 320 Seiten, 12.5 x 19 cm, Artikelnummer: 978-3-906195-76-6
€ (D) 24.00
CHF 32.00
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